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Fokus 08/2026

Meister Eckhart - Anwalt spiritueller Frauen - lesen
 

Karl Barth, Anselm Grün, Peter Spuhler und Franz Hohler in einem: Der Thüringer Dominikaner Eckhart von Hochheim (um 1260–1328) war eine Jahrhundertfigur. Er galt als Anwalt spiritueller Frauen. Seine Predigten faszinieren bis heute. Am 22. Oktober, 18. November und 17. Dezember 2026 können Sie in der Thuner Kirche Scherzligen Eckhart lesen - Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Meister, magister, hiessen damals die Professoren. Der angesehenste Lehrstuhl im Abendland war jener für
ausländische Theologen in Paris, jährlich neu zu besetzen. Wer hierhin berufen wurde, stand ganz oben. Zweimal widerfuhr das im ganzen Mittelalter nur zwei Theologen. Nebst Eckhart nur Thomas von Aquin. Eckhart war der berühmteste Prediger seiner Zeit. Es gab kaum ein Kloster – und es hatte deren viele –, in dessen Bibliothek seine (von Hand abgeschriebene) Predigten nicht vertreten waren. Von Generation zu Generation neu gelesen, faszinieren sie bis heute. Eckhart war auch ein führender Manager seines Ordens: Prior in Erfurt, danach Leiter der Ordensprovinz Sachsen mit 50 Klöstern von Lettland bis in die Niederlande. Jährlich musste der Provinzial jedes einzelne Kloster besuchen. Die Leitung der von Missständen geplagten böhmischen Provinz kam hinzu. Leiten war anstrengend und strapaziös: Die Dominikaner wollten Bettelmönche sein, ihre Ordensregel verbot das Reiten auch den Kadern. Fussmarsch also – bei Streitigkeiten umso öfter! Eckhart wanderte Zehntausende Kilometer zu Fuss.

Als einer der Ersten predigte Eckhart auf Deutsch – selbst im Erfurter Kloster, wo alle Latein verstanden! Die Muttersprache ging dem Herzen näher, doch galt sie damals als grobe Bauern- und Handwerkersprache. Eckhart wurde so zum Sprachschöpfer. Ein beachtlicher Teil unseres introspektiven Wortschatzes ist erstmals bei ihm belegt: Mitleiden und wahrnehmen; gänzlich, gelassen und leibhaftig; unbegreiflich, unwandelbar und vergänglich; Abgeschiedenheit, Andersheit, Ausbruch, Dankbarkeit, Eindruck und Empfänglichkeit; ein merkliches Mitwissen um sich selbst und seine Inwendigkeit; Unbeweglichkeit, Unwesen, Vereinung, Weltlichkeit und Zufall. Auch der deutsche Bildungsbegriff geht auf Eckhart zurück: Er suchte innere Reifung, wo sich die romanische Formation an ein äusseres Ideal anpassen wollte. Eckhart trug massgeblich dazu bei, dass Deutsch zur Sprache der Dichter und Denker wurde. Natürlich stiess das auf Widerstand: Die Hinwendung zur Volkssprache bedrohte die Privilegien und die Deutungsmacht der lateinischsprachigen Elite. Kurz nach Eckharts Tod wurde den Dominikanern untersagt, vor dem Volk über subtilia – also über tiefere theologische und spirituelle Fragen – zu predigen.

Beginische Spiritualität - auch in Thun
In den Städten entstanden ab etwa 1200 neue, freiere Lebensformen. Frauen fanden zusammen – arm und reich, adlig und bürgerlich, ledig oder verwitwet, oft gebildet –, um in kleinen spirituellen Gemeinschaften zu leben: die Beginen. Von Strassburg und Köln sind um 1300 je rund 1000 Beginen belegt; bei 30'000 Einwohnern in Köln, in Strassburg bei noch geringerer Bevölkerungszahl. Auch in Thun gab es sie, im Velschenhaus neben dem Rathaus. In Bern sind acht Gemeinschaften nachgewiesen, in Basel noch weit mehr. Sie lebten ehelos und einfach, finanzierten sich durch Handarbeit sowie Krankenpflege und blieben stets selbstbestimmt. Sie legten keine lebenslangen Gelübde ab und konnten die Gemeinschaft jederzeit wieder verlassen. Ihre Leiterin («Meisterin») wählten sie selbst auf Zeit. Eine übergeordnete Hierarchie gab es nicht; sie unterstanden niemandem. Vor allem lasen sie die Bibel eigenständig in der Volkssprache. So entstand eine eigenwillige weibliche Spiritualität: bildhaft, gefühlsstark, aufmerksam für innere Seelenzustände. Sie war mehr an innerer Verwandlung als an abstrakter Dogmatik, mehr an Wandlung als an blossen Sakramenten interessiert.

Unter Druck
Diese Autonomie missfiel den Bischöfen. Sie mussten die geistliche Autorität ohnehin mit den Bettelorden teilen – und nun wuchs mit diesen autonomen Frauen eine unkontrollierbare Konkurrenz heran. Deren Spiritualität wirkte fremdartig, entzog sich der kirchlichen Kontrolle und zog dennoch viele Menschen an. Synoden warfen den Beginen Häresie vor; Verfolgungen setzten ein. 1310 wurde Marguerite Porete, ihre profilierteste Denkerin, in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 1312 stufte das Konzil von Vienne die Beginen pauschal als Sekte ein. Die Spannungen waren gewaltig: unter den Beginen, innerhalb der Orden und im Konflikt mit den Bischöfen. Es ging um Macht, um theologische Sprache und um das Recht, die Bibel frei auszulegen. Gegen den Willen der Dominikaner hatte Papst Clemens IV. dem Orden 1267 die Aufsicht über alle süddeutschen Frauenklöster übertragen. Dies bedeutete eine enorme seelsorgliche Verantwortung – verbunden mit dem ständigen Risiko, selbst unter Häresieverdacht zu geraten. Der Neid des Weltklerus war ihnen gewiss.

Christsein fraulich empfinden

Eckhart übernahm schliesslich das Amt des Vikars des Ordensgenerals für die Frauenseelsorge mit Sitz in Strassburg. Er kannte die Risiken genau. In seiner herausragenden Position hätte er sich diesem heiklen Auftrag entziehen können, doch er stellte sich bewusst in den Dienst dieser Frauen. Eckhart begegnete einem eigenständigen, tiefen spirituellen Bewusstsein. Er traf auf Erfahrungen von Liebe und göttlicher Einheit, die weit über das hinausgingen, was man aus Klöstern kannte – durchdrungen von erotischer Metaphorik. War das übersteigerte Sehnsucht? Ein Verlust des Masses? Weibliche Schwärmerei? Sollte man alles unterdrücken und die Frauen in Pflichterfüllung ersticken? Eckhart lehnte das ab. Er hörte zu und nahm die Frauen theologisch ernst.

Seine Predigten spiegeln den intensiven Dialog mit den Beginen und den Schriften Marguerite Poretes wider. Sie erfuhren Gott im eigenen Inneren. Wer still und achtsam wird, entdeckt in sich eine schweigende Gegenwart. Eckhart nannte sie Licht, Fünklein oder Seelenfünkchen und Bürglein: eine unmittelbare Gottesbeziehung im Hier und Jetzt, jenseits dogmatischer Formeln. Hörte er den Einwand: «Damit kann ich nichts anfangen, so etwas erfahre ich nicht!», entgegnete Eckhart: «Wer von inwendigen Dingen nichts gewöhnt ist, weiss nicht, was Gott ist. Wie ein Mann, der Wein im Keller hat, aber nichts davon kostet, nicht weiss, dass er gut ist.» Oder prägnant: «Weshalb merkst du nichts davon? Weil du nicht daheim bist!»

Er scheute auch die erotische Bildsprache nicht: nackt und bloss, ein Kuss von Mund zu Mund, minnen und gebären. «Alle Lust des Vaters und sein Kosen und sein Anlachen gilt allein dem Sohn… Er hat so grosse Lust im Sohne, dass er sonst nichts bedarf, als seinen Sohn zu gebären.» Was der Mensch im Tiefsten sein kann, verdeutlichte Eckhart an biblischen Frauengestalten: an Maria oder Martha. Dabei blieb er stets reflektiert. Er stellte die tätige Nächstenliebe über die reine Kontemplation und argumentierte auf dem festen Fundament von Tradition und scholastischer Wissenschaft. Täglich feierte er mit seinen Mitbrüdern Chorgebet und Messe. Zugleich ordnete er Leidenschaft und Gefühlsüberschwang dem intellectus – dem inneren Vernehmen – unter: Im Spiegel der Stille erfährt der Mensch, wer er selbst und wer Gott ist.

Verurteilt
Zwei Ordensbrüder mit zweifelhaftem Ruf klagten Eckhart beim Kölner Erzbischof an. Dieser nutzte die Gelegenheit, um seine Macht gegenüber dem einflussreichen Dominikanerorden zu demonstrieren: Zahlreiche Aussagen Eckharts wurden als ketzerisch eingestuft. Eckhart appellierte an den Papst und reiste an dessen Hof nach Avignon. 1329 (in der Bulle In agro dominico) wurden 28 seiner Lehrsätze verurteilt. Eckhart selbst war kurz zuvor verstorben. Ein verheerender Rückschlag für die Inkulturation des Christentums im deutschen Sprachraum: Der deutschen Mentalität war eine tiefe Sehnsucht nach existentieller Echtheit eigen, der Eckhart sprachlichen Ausdruck verliehen hatte. Nun wurde dieser Weg versperrt. Die
mystische Gotteserfahrung wurde weitgehend aus der akademischen Theologie verdrängt und zog sich in wenige Klöster zurück. 200 Jahre später entlud sich der Bruch zwischen innerer Frömmigkeit und veräusserlichter Kirchenstruktur in der Reformation. Gekränktheit, Missverständnisse und Misstrauen prägen seither weite Teile des Verhältnisses zwischen Rom und dem deutschsprachigen Protestantismus.

Beginenhäuser bestanden zwar noch längere Zeit fort, doch wurden sie unter die strikte Aufsicht von Dominikanern und Franziskanern gestellt. Welch bereichernde, vertiefende Kraft hätte sich entfalten können, wenn diese eigenständige Frauenkultur die Kirche dauerhaft hätte mitprägen dürfen! Vorsorglich hatte Eckhart stets betont, jeden Irrtum zu widerrufen, sollte die Kirche seine Thesen verurteilen. Kirchenrechtlich galt er damit nicht als verstockter Häretiker. Dennoch sollten seine Schriften vernichtet werden. Sie überlebten trotzdem – meist anonym oder unter dem Namen seiner Schüler. So gelangten sie auch zu Martin Luther. Dessen Handexemplar der Predigten des Eckhart-Schülers Johannes Tauler (Druck von 1508) bezeugt mit zahlreichen Randnotizen ein intensives Studium. Luther notierte, nirgendwo sonst als beim «erleuchteten Doktor Tauler» habe er eine so reine, tragfähige und schriftgemässe Theologie gefunden. Was er nicht ahnte: Luther las tatsächlich teils ganze Predigten Eckharts, die unter Taulers Namen publiziert wurden.

Eckhart lesen in der Kirche Scherzligen

  • Do, 22. Oktober 2026: Vertrauen
  • Mi, 18. November 2026: Vielfalt der Wege
  • Do, 17. Dezember 2026: Es wirkt Gott, es sehnt sich die Seele

    Jeweils um 19 Uhr unter der Leitung von Thomas Philipp. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich - der Eintritt ist frei.


Text- und Bildquelle: “Reformiert” Oktober 2026, Thomas Philipp, Pfr. Kirche Scherzligen