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Fokus 01/2026

143 - Die dargebotene Hand: «Spreche ich hier mit einem Menschen?»
 

Weihnachten und Silvester – das sind Tage voller Erwartungen: An Harmonie, Nähe, Verbundenheit. Für viele Menschen ist das Realität. Für andere ist es eine Belastung. Für das Team der Dargebotenen Hand Bern heisst das: Präsent sein, zuhören, auffangen. Es ist kein Ausnahmezustand – aber eine andere Form von Einsatz. Eine stille – und oft lebenswichtige. Die Dargebotene Hand finanziert sich mehrheitlich durch Beiträge von Kirchen, Stiftungen und staatlichen Institutionen.

«Die Feiertage sind nicht zwingend eine Ausnahmesituation», sagt Franziska Nydegger, Leiterin der Dargebotenen Hand Bern am Telefon. «Aber sie machen vieles sichtbarer.» Das Zusammensein mit der Familie kann alte Konflikte aufbrechen lassen – tiefsitzende, lang verdrängte Themen. Manche ringen in dieser Zeit auch mit der Entscheidung, ob sie die Feiertage mit ihrer Familie verbringen oder bewusst allein bleiben. Beides kann schmerzhaft sein. Beides kann der Auslöser für ein Gespräch bei 143 sein. Die Anzahl Anrufe rund um Weihnachten schwankt – «manche Tage sind sehr ruhig, andere plötzlich voll», sagt Nydegger. Die Themen bleiben dabei so vielfältig wie das Leben selbst. An den Feiertagen geht es in vielen Gesprächen häufig um Einsamkeit, familiäre Spannungen oder schwierige Entscheidungen rund um das Zusammensein mit der Familie.

Chat wird zur Brücke in schwierigen Stunden

Bereits seit 2002 bietet die Dargebotene Hand neben Telefon und Mail auch einen Chatdienst an – aktuell täglich von 10 bis 22 Uhr betreut. Viele Gespräche dauern länger als am Telefon: Während ein Anruf im Durchschnitt etwa 20 Minuten dauert, kann ein Chat gut 45 Minuten in Anspruch nehmen. Immer mehr Menschen – besonders junge zwischen 15 und 25 Jahren – suchen den Kontakt über den Chat. Die Hemmschwelle ist dort deutlich niedriger. «Der Chat ist für viele ein vertrautes Medium. Und gerade bei schweren Themen wie suizidalen Gedanken fällt das Schreiben leichter als das Sprechen», sagt Nydegger. Zudem hätten viele junge Menschen gelernt, offener über ihre Gefühle und psychischen Belastungen zu sprechen – deutlich offener als frühere Generationen. Das führt dazu, dass gerade im Chat suizidale Gedanken häufiger benannt werden – nicht unbedingt, weil sie häufiger vorkommen, sondern weil die Hürde, sie zu benennen, kleiner ist. Zunehmend versuchen Hilfesuchende zuerst mit KI-Tools wie ChatGPT weiterzukommen. «Doch wenn selbst der Chatbot an seine Grenzen kommt, wird häufig auf uns verwiesen – dann heisst es plötzlich: Kontaktiere 143.» Und sie tun es. Oft mit der ersten Frage: «Spreche ich hier mit einem Menschen?»

Wenn Hilfe nicht greifbar ist, springt 143 ein

Seit der Pandemie sind die psychischen Belastungen in der Bevölkerung gestiegen – das stellt auch Nydegger fest. Parallel sind psychologische oder psychiatrische Angebote vielerorts überlastet. Wartezeiten sind lang. Menschen, die sich bereits in Behandlung befinden, stehen über die Feiertage oft ohne niederschwellige Ansprechperson da. Die Dargebotene Hand übernimmt in solchen Situationen eine wichtige Brückenfunktion – kein Ersatz für Therapie, aber ein sicherer Raum, bis professionelle Hilfe wieder greifbar ist. Diese Rolle wird auch im Bereich der Gewaltbetroffenen immer wichtiger: Im Zuge der Einstellung der Hotline AppElle!, die bisher als 24-Stunden-Anlaufstelle der Berner Frauenhäuser diente, hat der Kanton Bern begonnen, die telefonische Erstberatung neu zu organisieren.

Die ursprünglich für November 2025 geplante nationale Notrufnummer 142 wird voraussichtlich erst ab Mai in Betrieb genommen. Bis dahin übernimmt die Dargebotene Hand Anrufe von Menschen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind – insbesondere ausserhalb der Bürozeiten der Berner Opferberatungsstelle. Die Dargebotene Hand Bern arbeitet dabei eng mit einem Pikettteam der Frauenhäuser zusammen, das bei akuten Notfallplatzierungen unterstützend eingreifen kann. Die Dargebotene Hand hat ihre Wochenendpräsenz entsprechend verstärkt. Doch nicht nur in Krisensituationen oder bei Gewaltbetroffenen ist die Nachfrage hoch. Auch Menschen, die nach aussen als stabil gelten, greifen vermehrt zum Hörer oder zur Tastatur.

Belastet sind nicht nur die Verletzlichen

Einsamkeit betrifft längst nicht mehr nur ältere Menschen. Heute melden sich auch gut integrierte, beruflich erfolgreiche Personen – mit dem Gefühl, nicht gehört oder nicht gesehen zu werden, weiss Nydegger. Männer machen mittlerweile rund ein Drittel der Anrufenden aus. Die Themen, die bei 143 zur Sprache kommen, spiegeln das ganze Spektrum einer Gesellschaft: Beziehungskrisen, Sexualität, Trauer, Sucht, Gewalt, Überforderung, Existenzängste – und auch suizidale Gedanken. «Es ist das ganze Spektrum menschlicher Erfahrung, das uns begegnet», sagt Nydegger.

Zuhören ist keine einfache Geste – sondern eine anspruchsvolle Arbeit

Die freiwilligen Mitarbeitenden bei 143 leisten ein Pensum von ungefähr 25 Stellenprozent. Viele bleiben der Arbeit über Jahre hinweg treu. Der Durchschnitt liegt bei acht bis zehn Jahren. Ein spezifisches Anforderungsprofil gebe es nicht, sagt Nydegger. Entscheidend seien Lebenserfahrung, Offenheit, Belastbarkeit und die Bereitschaft, zuzuhören. Die Ausbildung ist intensiv: acht Monate Vorbereitung, aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, Supervision und laufende Weiterbildung. Denn am Telefon oder im Chat sind die Mitarbeitenden allein – und die Gespräche können existenzielle Tiefe haben. Was zählt, ist nicht Ratschlag oder Lösung, sondern Präsenz. «Zuhören heisst, dem Menschen den Raum zu geben, in dem er seine eigene Lösung finden kann», sagt Nydegger. Ohne zu therapieren. Ohne zu urteilen.

Finanzierung: Ohne Spenden geht es nicht

Die Dargebotene Hand (Telefonnummer 143) finanziert sich mehrheitlich durch Beiträge von Kirchen, Stiftungen und staatlichen Institutionen. Öffentliche Gelder von Kantonen und Gemeinden fliessen je nach Region ergänzend, sind aber nicht überall dauerhaft gesichert, weshalb die Organisation stark auf kontinuierliche Spenden angewiesen ist. Weitere Informationen unter: www.143.ch/spenden

Textquelle: www.plattformj.ch, Denise Jacob, 12.01.2026, Bild: www.143.ch